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Wenn die Arbeit schon erledigt ist
Am Vorabend war da nur ein Auftrag: eine neue Exportfunktion entwickeln, die vorhandenen Tests berücksichtigen und das Ergebnis zur Prüfung vorlegen.
Am nächsten Morgen wartet eine fertige Änderung. Mehrere Dateien wurden angepasst, neue Tests ergänzt und Fehler behoben, die während der Umsetzung aufgetreten sind. Daneben liegt eine Zusammenfassung der getroffenen Entscheidungen. Der Entwickler beginnt seinen Arbeitstag nicht mit einer leeren Datei, sondern mit der Prüfung eines Ergebnisses, das ein AI-Agent selbstständig erarbeitet hat, ein Vorgehen, das bereits zu dem gehört, was heute als Agentic Engineering bezeichnet wird.
Noch vor wenigen Jahren wäre diese Szene im normalen Entwicklungsalltag kaum vorstellbar gewesen. AI vervollständigte einzelne Codezeilen, während Entwickler die Lösung selbst entwarfen und jeden Schritt ausführten. Heute können ganze Aufgaben zwischen Auftrag und Ergebnis weitgehend selbstständig bearbeitet werden.
Wie konnte sich die Softwareentwicklung in so kurzer Zeit so stark verändern? Um das zu verstehen, blickt dieser Artikel zurück auf drei entscheidende Etappen: auf die ersten Codevorschläge durch GitHub Copilot im Jahr 2021, auf den Übergang zu Vibe Coding und den ersten Coding-Agenten 2025 und auf das, was 2026 unter Agentic Engineering verstanden wird.
Ein Blick zurück zeigt, wie aus Codevorschlägen selbstständig arbeitende Agenten wurden und wie sich dadurch die Rolle der Entwickler verändert hat.
2021: Zum ersten Mal schreibt AI mit
GitHub Copilot war 2021 keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Bruch mit der bis dahin einzig bekannten Arbeitsweise. Ein Entwickler öffnete die Datei, dachte sich die Lösung aus und tippte sie Zeichen für Zeichen. Nachschlagewerke und Stack Overflow halfen beim Denken, geschrieben wurde trotzdem alles selbst.
Im Juni 2021 änderte sich das zum ersten Mal. GitHub veröffentlichte Copilot als „technical preview“, einen auf OpenAI Codex basierenden Assistenten. Er zog aus dem geöffneten Code Kontext und ergänzte nicht mehr nur einzelne Wörter, sondern schlug ganze Zeilen und Funktionen vor.
Was das brachte, zeigt sich erst im Rückblick über mehrere Jahre. Die frühen Ergebnisse waren noch nicht zuverlässig, aber die Richtung war klar: Copilot ergänzte nicht mehr nur einzelne Wörter, sondern ganze Zeilen und Funktionen. Zur allgemeinen Verfügbarkeit 2022 nutzten bereits 1,2 Millionen Entwickler das Werkzeug (vgl. GitHub, 2022). In Dateien mit aktiviertem Copilot stammten nach GitHub-Angaben rund 40 Prozent des Codes von der AI (vgl. GitHub, 2022). Anfang 2023 lag dieser Anteil laut GitHub bereits bei rund 46 Prozent (vgl. GitHub, 2023). Im Frühjahr 2024 wuchs die Zahl der zahlenden Abonnenten auf 1,8 Millionen (vgl. Microsoft (Satya Nadella), 2024).
Trotz dieser Zahlen blieb die Rolle vier Jahre lang unverändert: Der Mensch saß am Steuer, jedes Zeichen war weiterhin seine Entscheidung. Copilot lieferte nur den Vorschlag dazu. Man hätte diese Ära treffend „Autocomplete, nur besser“ nennen können. Niemand erwartete zu diesem Zeitpunkt, dass eine AI eines Tages ganze Aufgaben eigenständig übernehmen würde, während der Mensch daneben nur noch zusieht.
2025: Beschreiben statt programmieren
Der Doppel-Bruch
Vier Jahre lang waren die Rollen klar verteilt: Copilot schlug vor, der Mensch entschied. Im Februar 2025 kippt das gleich zweimal, innerhalb weniger Wochen.
Am 2. Februar 2025 gibt Andrej Karpathy, Mitgründer von OpenAI und bekannter AI-Forscher, dieser neuen Haltung einen Namen: Vibe Coding. In einem vielbeachteten Beitrag beschreibt er ganz konkret, was er meint: Er bittet um „die dümmsten Dinge“, akzeptiert jede Änderung ungelesen und kopiert Fehlermeldungen kommentarlos hinein, bis das Problem verschwindet. Wichtig ist der Zusatz, den er selbst mitliefert: geeignet für „throwaway weekend projects“, nicht für professionelle Software.
„There’s a new kind of coding I call ‚vibe coding‘, where you fully give in to the vibes, embrace exponentials, and forget that the code even exists.“
(Andrej Karpathy, 2025)
Drei Begriffe tauchen ab jetzt in jeder Diskussion über AI-Coding auf und werden oft durcheinandergeworfen:
- Completion: der reine Code-Vorschlag der alten Ära, wie ihn Copilot 2021 lieferte – eine Zeile, eine Funktion, immer zur Bestätigung durch den Menschen.
- Vibe Coding: die Haltung des Loslassens, wie Karpathy sie beschreibt – man beschreibt, was man will, liest die Änderungen nicht mehr im Detail und vertraut dem Ergebnis.
- Agent: ein eigenständig handelndes Programm. Es liefert nicht nur einen Vorschlag, sondern führt selbstständig mehrere Schritte aus, etwa Dateien ändern, Befehle starten oder Ergebnisse prüfen.
Claude Code
Nur drei Wochen später, am 24. Februar 2025, liefert Anthropic das Werkzeug, das genau diese neue Haltung technisch einlöst: Claude Code. Es wird zusammen mit dem Modell Claude 3.7 Sonnet angekündigt. Anthropic beschreibt es als Werkzeug, mit dem Entwickler „substantial engineering tasks“ direkt aus dem Terminal an die AI delegieren, und formuliert das Versprechen so:
„Claude Code is an active collaborator that can search and read code, edit files, write and run tests, commit and push code to GitHub, and use command line tools, keeping you in the loop at every step.“
(Anthropic, 2025)
Delegieren statt tippen, aber mit dem Anspruch, den Menschen nicht auszuschließen.
Wenn die AI ganze Aufgaben übernimmt
Im Rest des Jahres 2025 füllt sich dieses Versprechen mit Substanz. Agentische Werkzeuge lesen jetzt nicht mehr nur die geöffnete Datei, sondern verschaffen sich einen Überblick über die ganze Codebasis, bevor sie handeln. Sie planen mehrschrittige Lösungen und bearbeiten dabei mehrere Dateien gleichzeitig. Sie lassen Tests und automatische Qualitätsprüfungen laufen und korrigieren eigenständig, wenn etwas fehlschlägt. GitHub beschreibt genau diese Kette für den Agent Mode seines Copilot. Microsoft dokumentiert sie fast wortgleich für Visual Studio.
Der blinde Fleck aus der Copilot-Ära platzt damit sichtbar auf. 2021 sah das Werkzeug eine Zeile, vielleicht eine Funktion, und der Mensch blieb für alles andere zuständig. Jetzt sieht es das ganze System: Abhängigkeiten zwischen Dateien, den Zustand der Tests, die Struktur der Architektur. Aus dem Vorschlag ist eine Aufgabe geworden, die eigenständig abgearbeitet wird, während der Mensch daneben sitzt.
2026: Die AI arbeitet, der Mensch steuert und prüft
Genau ein Jahr nach seinem viralen Tweet meldet sich Karpathy noch einmal zu Wort, diesmal um einen Nachfolgebegriff für die professionelle Arbeit vorzuschlagen, während Vibe Coding für private Projekte und Wochenend-Bastelei weiter gültig bleibt. Anfang Februar 2026 schreibt er, „vibe coding“ beschreibe nicht mehr, was in der professionellen Softwareentwicklung passiert, und schlägt einen Nachfolger vor: Agentic Engineering.
Seine Begründung liest sich wie eine Bestandsaufnahme der eigenen Arbeit:
„Agentic because the new default is that you are not writing the code directly 99 % of the time, you are orchestrating agents who do and acting as oversight.“
(Andrej Karpathy, 2026)
Der Mensch schreibt weniger Code selbst, dafür definiert, steuert und prüft er die Arbeit der AI.
Damit zieht Karpathy eine klare Trennlinie zwischen den beiden Begriffen, die er selbst geprägt hat. Vibe Coding heißt: Ich beschreibe, was ich will, und akzeptiere, was zurückkommt. Agentic Engineering heißt: Ich entwerfe das System, ich weise die Agenten an, und ich prüfe am Ende die Arbeit. Nicht Rückzug vom Code also, sondern eine andere Position dazu, weiter weg von der Tastatur, aber nicht weiter weg von der Verantwortung.
Wie stark sich diese Position seit 2021 verschoben hat, zeigt der Vergleich der drei Etappen:
2021 (GitHub Copilot) | Februar 2025 (Vibe Coding / Claude Code) | 2026 (Agentic Engineering) | |
|---|---|---|---|
Rolle des Entwicklers | Autor, der jede Zeile selbst tippt | Prompter, der beschreibt und akzeptiert | Aufsicht, die entwirft und prüft |
Werkzeug-Verhalten | Schlägt einzelne Zeilen vor | Übernimmt ganze Aufgaben, bleibt aber im Dialog | Arbeitet Aufgaben eigenständig ab, meldet Ergebnis |
Kontroll-Gefühl | Volle Kontrolle über jedes Zeichen | Bewusst losgelassene Kontrolle | Kontrolle auf Distanz, aber nicht abgegeben |
Wo wir heute stehen – und was als Nächstes passiert
Fünf Jahre, drei Etappen, ein roter Faden: 2021 saß der Entwickler direkt am Code, 2025 riss dieser Draht kurz ab, 2026 arbeitet er darüber. Copilot lieferte Zeilen, Vibe Coding ließ den Code laufen, ohne ihn noch zu lesen, Agentic Engineering holt die Kontrolle zurück, nur an anderer Stelle.
Das ist die eigentliche Pointe dieses Jahres: Karpathy stellt seinem eigenen Begriff einen Nachfolger daneben, nicht weil Vibe Coding falsch war, sondern weil er für das, was professionelle Teams heute tun, zu ungenau geworden ist. Sein Nachfolgebegriff beschreibt keinen Rückzug vom Code, sondern eine andere Art, ihm nah zu sein: nicht mehr über die Tastatur, sondern über Entwurf, Steuerung und Prüfung dessen, was ein Agent liefert. Wer 2021 jede Zeile selbst tippte, verantwortet 2026 ein System, das er nicht mehr zeichenweise kontrolliert, aber immer noch versteht.
Für Teams heißt das: Die Frage ist nicht mehr, ob eine AI mitschreibt, sondern wie die Aufsicht organisiert ist, wer prüft, was ein Agent liefert, und mit welchen Maßstäben. Genau dort setzt Teil 2 dieser Serie an: was diese Verschiebung für den eigenen Workflow bedeutet und wie Teams aus einzelnen Prompts eine belastbare Arbeitsweise machen.
Sie möchten schon jetzt klären, wie Agentic Engineering in Ihrem Team aussehen kann?
Quellenverzeichnis
- Andrej Karpathy. (2026). Agentic Engineering (Beitrag auf X), zitiert nach: Observer. https://observer.com/2026/02/andrej-karpathy-new-term-ai-coding/
- Andrej Karpathy. (2025). Vibe coding (Beitrag auf X). X (ehemals Twitter). https://twitter.com/karpathy/status/1886192184808149383
- Anthropic. (2025). Claude 3.7 Sonnet and Claude Code. anthropic.com. https://www.anthropic.com/news/claude-3-7-sonnet
- GitHub. (2022). GitHub Copilot is generally available to all developers. GitHub Blog. https://github.blog/2022-06-21-github-copilot-is-generally-available-to-all-developers/
- Microsoft (Satya Nadella). (2024). Fiscal Q3 2024 Earnings Call. CNBC. https://www.cnbc.com/2024/04/25/microsoft-msft-q3-earnings-2024.html
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